Was für ein Blick, was für ein Augenblick. Ich stehe an der Steilküste auf den Klippen, ein Leuchtturm hinter mir und schaue auf´s endlose, tiefblaue Meer. Hier endet der Jakobsweg im äußersten Westen Spaniens, noch hinter Santiago de Compostella. 0,0 Kilometer steht auf dem Stein, der den Jakobsweg überall markiert.

„Fisterra“, zu Deutsch „Ende der Welt“ heißt der Ort. Die Menschen haben jahrhundertelang gedacht, hier ist wirklich Schluss. Inzwischen wissen wir: Irgendwo da hinten kommt dann doch Amerika.
Weite tut der Seele so gut. Ein Pilger hat mit Kreide Psalm 36 auf den Felsen geschrieben. „Gott, deine Güte reicht so weit, der Himmel geht, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“
Das passt. Die Stille, nur ein paar Möwen kreischen und unten schlägt die Gischt an Land. Ich atme tief ein und aus, spüre den Seewind und wie einzigartig und kostbar das Leben ist. Wie klein werden für den Moment die vielen vermeintlich riesigen Probleme, die zuletzt mein Kopfkino immer wieder geflutet haben. – Das Leben kann auch leichter sein.
Das ist eine wohltuende Erinnerung am Ende eines Pilgerwegs. Und auch eine wohltuende Erfahrung in einer Welt, in einer Gesellschaft, in der jeder gerade berufen scheint, seinen eigenen Kosmos zum Maßstab aller Dinge zu machen. In der großen Politik wie auch im persönlichen Umfeld, der Familie, im Freundeskreis und auch am Arbeitsplatz.
Und da bin ich wieder. Zurück aus den Ferien mitten im Leben. Doch ich möchte mir diesen Augenblick bewahren. Den Blick auf`s Meer in all den Herausforderungen des Alltags – mit der Weite im Kopf und im Herzen.
Joachim Gerhardt

Geistlicher Impuls
Joachim Gerhardt, Pfarrer an der Bonner Lutherkirche und Pressepfarrer des Kirchenkreises Bonn, schreibt alle drei Wochen das „Wort zum Sonntag“ in der Gesamtausgabe der Kölnischen/Bonner Rundschau, auf Seite 4 in der der großen Tageszeitung in der Köln-/Bonner Region. Hier erfahren Sie mehr: www.rundschau-online.de
(Text erscheint am 29.08.2026)

